Pflegeplanung nach PESR-Schema: Die komplette Anleitung

Was ist Pflegeplanung?

Die Pflegeplanung ist das Herzstück professioneller Pflege. Sie dokumentiert den gesamten Pflegeprozess von der Informationssammlung über die Problemerkennung bis zur Evaluation. Als Azubi wirst du sie in jeder Praxisphase und definitiv in der Prüfung brauchen.

💡 Der Pflegeprozess in 6 Schritten 1. Informationssammlung (Assessment) → 2. Pflegediagnose → 3. Zielsetzung → 4. Maßnahmenplanung → 5. Durchführung → 6. Evaluation

Die Pflegeplanung ist kein einmaliges Dokument, sondern ein dynamischer Prozess. Sie wird regelmäßig überprüft und angepasst – mindestens bei Veränderungen des Gesundheitszustands oder nach festgelegten Evaluationszeitpunkten.

Das PESR-Schema erklärt

Das PESR-Schema ist der Standard für die Formulierung von Pflegediagnosen. Es macht Pflegeprobleme nachvollziehbar und überprüfbar.

Buchstabe Bedeutung Frage
P Problem (Pflegediagnose) Was ist das Problem?
E Einflussfaktoren (Ätiologie) Warum besteht das Problem?
S Symptome (Kennzeichen) Woran erkenne ich das Problem?
R Ressourcen Was kann der Patient selbst?

Beispiel Pneumoniegefahr bei Herrn Schmidt

P – Problem: Pneumoniegefahr aufgrund eingeschränkter Mobilität
E – Ursache: Bettlägerigkeit seit 5 Tagen nach Oberschenkelhalsfraktur, flache Atmung bei Schmerzen
S – Symptome: Atemfrequenz 22/min, oberflächliche Atmung, verminderte Atemgeräusche basal beidseits
R – Ressourcen: Patient ist kooperativ, kann Anweisungen folgen, hustet auf Aufforderung ab
⚠️ Häufiger Fehler Verwechsle nicht medizinische Diagnosen mit Pflegediagnosen! "Diabetes mellitus" ist keine Pflegediagnose – aber "Gefahr der Hyperglykämie durch fehlendes Wissen zur Kohlenhydratberechnung" schon.

ATL vs. ABEDL: Die Strukturierungsmodelle

Um Pflegeprobleme systematisch zu erfassen, gibt es verschiedene Strukturierungsmodelle. Die beiden wichtigsten in Deutschland sind:

ATL nach Roper (12 Lebensaktivitäten)

Nr. Lebensaktivität Beispiele
1Für sichere Umgebung sorgenSturzgefahr, Infektionsschutz
2KommunizierenSprache, Hören, Sehen
3AtmenDyspnoe, Husten, Sekret
4Essen und TrinkenAppetit, Schlucken, Nahrungsaufnahme
5AusscheidenInkontinenz, Obstipation
6Sich sauber halten und kleidenKörperpflege, Anziehen
7Körpertemperatur regulierenFieber, Hypothermie
8Sich bewegenMobilität, Kontrakturen
9Arbeiten und SpielenBeschäftigung, Langeweile
10Sich als Mann/Frau fühlenSexualität, Identität
11SchlafenEin-/Durchschlafstörungen
12SterbenPalliativversorgung

ABEDL nach Krohwinkel (13 Bereiche)

Das ABEDL-Modell erweitert die ATL um psychosoziale und existenzielle Aspekte:

✅ Prüfungstipp In der Prüfung wird oft das ABEDL-Modell verwendet, da es umfassender ist. Kenne beide Modelle, aber konzentriere dich auf ABEDL für die Pflegeplanung.

Die Strukturierte Informationssammlung (SIS)

Die SIS ist ein standardisiertes Instrument zur Erfassung des individuellen Pflegebedarfs, das seit 2015 bundesweit eingeführt wurde. Sie ist Teil des "Strukturmodells" zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation.

Die 6 Themenfelder der SIS

1️⃣ Kognition & Kommunikation

Orientierung, Gedächtnis, Verstehen, Mitteilen von Bedürfnissen

2️⃣ Mobilität & Beweglichkeit

Fortbewegung, Positionswechsel, Sturzrisiko

3️⃣ Krankheitsbezogene Anforderungen

Medikamente, Wundversorgung, Therapien, Arztbesuche

4️⃣ Selbstversorgung

Körperpflege, Ernährung, Ausscheidung, An-/Auskleiden

5️⃣ Leben in sozialen Beziehungen

Tagesgestaltung, soziale Kontakte, Teilhabe

6️⃣ Haushaltsführung

Einkaufen, Kochen, Wäsche, Reinigung (nur ambulant relevant)

SIS vs. klassische Pflegeplanung

Aspekt Klassische Pflegeplanung SIS / Strukturmodell
Fokus Defizite und Probleme Perspektive des Pflegebedürftigen
Dokumentation Ausführlich, viele Formulare Kompakter, "Entbürokratisierung"
Evaluation Separater Prozess Im Berichteblatt integriert
Einsatz Krankenhaus, Ausbildung V.a. ambulant & stationäre Langzeitpflege
💡 Gut zu wissen In der Ausbildung lernst du meist die klassische Pflegeplanung mit PESR und SMART-Zielen. In der Praxis (besonders ambulant und Langzeitpflege) wirst du dann oft mit der SIS arbeiten. Beides basiert auf dem gleichen Grundprinzip: systematische Erfassung → Planung → Durchführung → Evaluation.

Pflegeziele richtig formulieren

Pflegeziele müssen SMART sein – sonst sind sie nicht überprüfbar:

SMART Bedeutung Beispiel
Spezifisch Konkret und eindeutig ❌ "Besser gehen" → ✅ "Mit Rollator gehen"
Messbar Überprüfbar ❌ "Mehr trinken" → ✅ "1500ml/Tag trinken"
Akzeptiert Vom Patienten mitgetragen Ziel mit Patienten besprochen
Realistisch Erreichbar An Ressourcen angepasst
Terminiert Mit Zeitvorgabe ❌ "Bald" → ✅ "Bis 20.01.2026"

Beispiel SMART-Ziel bei Mobilitätseinschränkung

❌ Schlecht: "Patient soll mobiler werden."
✅ Gut: "Frau Müller geht bis zum 25.01.2026 selbstständig mit Rollator 20 Meter zur Toilette und zurück."

Nah- und Fernziele unterscheiden

Beispiel: Nahziel: "Hr. K. trinkt heute 1200ml" → Fernziel: "Hr. K. trinkt bei Entlassung selbstständig mind. 1500ml/Tag"

Pflegemaßnahmen planen

Pflegemaßnahmen beantworten die Frage: WER macht WAS, WANN, WIE OFT und WIE?

✅ Checkliste: Gute Pflegemaßnahmen

Sind konkret formuliert (nicht "Mobilisation fördern" sondern "2x tägl. Transfer Bett-Stuhl mit 2 PK")
Haben Zeitangaben (wann, wie oft, wie lange)
Benennen den Durchführenden (PK, Azubi, Patient selbst)
Sind am Ziel orientiert (jede Maßnahme dient einem Ziel)
Nutzen Ressourcen des Patienten
Sind individuell angepasst (keine Standardfloskeln)

Beispiel Maßnahmen bei Dekubitusgefahr

Lagerung: Mikrolagerung alle 2 Std. durch PK, nachts 30°-Schräglagerung, Fersen frei lagern
Hautpflege: Hautinspektion bei jeder Lagerung, Dokumentation auf Lagerungsprotokoll
Mobilisation: 2x tägl. (10:00, 15:00) Mobilisation in Stuhl für 1 Std. mit 2 PK
Ernährung: Proteinreiche Kost, Trinkprotokoll, Ziel: 1800ml/Tag

Evaluation: Ziele überprüfen

Die Evaluation schließt den Pflegeprozess ab – und startet ihn gleichzeitig neu. Du prüfst, ob die Ziele erreicht wurden.

Ergebnis Konsequenz
Ziel erreicht Maßnahme beenden oder neues Ziel setzen
Ziel teilweise erreicht Maßnahmen anpassen, Zeitraum verlängern
Ziel nicht erreicht Ursachenanalyse: War das Ziel realistisch? Stimmen die Maßnahmen?
💡 Evaluationszeitpunkte Bei Nahzielen: Nach 1-3 Tagen. Bei Fernzielen: Wöchentlich. Bei Zustandsveränderung: Sofort!

Pflegeplanung in der Praxis

Schritt für Schritt zur fertigen Pflegeplanung

  1. Informationen sammeln: Pflegeanamnese, Patientengespräch, Beobachtung, Vorbefunde
  2. Probleme identifizieren: Nach ATL/ABEDL strukturieren, PESR anwenden
  3. Prioritäten setzen: Lebensbedrohliches zuerst, dann nach Dringlichkeit
  4. Ziele formulieren: SMART für jedes Problem
  5. Maßnahmen planen: Konkret, mit Zeitangaben und Verantwortlichen
  6. Durchführen und dokumentieren: Abweichungen notieren
  7. Evaluieren: Regelmäßig und bei Veränderungen
⚠️ Für die Prüfung In der praktischen Prüfung musst du oft eine Pflegeplanung für deinen Prüfungspatienten erstellen. Übe das PESR-Schema und SMART-Ziele, bis sie dir in Fleisch und Blut übergegangen sind!

Häufige Fragen zur Pflegeplanung

Was ist das PESR-Schema?
PESR steht für Problem, Einflussfaktoren (Ätiologie), Symptome und Ressourcen. Es ist ein Strukturierungsschema für Pflegediagnosen, das eine systematische Beschreibung von Pflegeproblemen ermöglicht.
Was ist der Unterschied zwischen ATL und ABEDL?
ATL (Aktivitäten des täglichen Lebens) nach Roper umfasst 12 Bereiche, während ABEDL (Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens) nach Krohwinkel 13 Bereiche umfasst und stärker die psychosozialen Aspekte berücksichtigt.
Wie formuliere ich Pflegeziele richtig?
Pflegeziele müssen SMART sein: Spezifisch, Messbar, Attraktiv/Akzeptiert, Realistisch und Terminiert. Sie werden immer aus Patientensicht formuliert, z.B. "Frau Müller kann bis zum 15.01. selbstständig mit Rollator zur Toilette gehen."
Was gehört in die Pflegeevaluation?
Die Evaluation prüft, ob die Pflegeziele erreicht wurden. Sie umfasst: Zielerreichungsgrad (erreicht/teilweise erreicht/nicht erreicht), Begründung, und ggf. Anpassung der Maßnahmen oder Ziele.
Wie oft muss die Pflegeplanung aktualisiert werden?
Die Pflegeplanung wird bei jeder Veränderung des Patientenzustands aktualisiert, bei Evaluationszeitpunkten (Nahziele: 1-3 Tage, Fernziele: wöchentlich) und spätestens bei der Verlegung oder Entlassung.